Interview mit Miroslav Nemec und Ferdinand Hofer

(06.10.2023 - München)

Zur Ausstrahlung des neuen TATORTS "Königinnen".

 

© Stefan Brending

 

Bayerische Kultserien: Herr Nemec, es ist jetzt tatsächlich schon der 93. Tatort mit Ihnen als Kommissar. Das bedeutet, der 100. ist nicht mehr so weit weg.

Miroslav Nemec: Zwei weitere sind schon abgedreht, weiteres ist in Planung. Mehr kann man dazu nicht sagen.

B K: Wie sehr haben sich die Bedingungen beim Drehen, seit Ihrem ersten Tatort von 1991 bis heute geändert?

M N: Eigentlich haben wir schon im November/Dezember 1989 für unseren ersten Tatort gedreht. Zwei weitere wurden im Jahr 1990 produziert. Tatsächlich wurde unser erster Film dann am ersten Januar 1991 ausgestrahlt. Wir hatten zu dem Zeitpunkt ca. 24 Drehtage pro Folge und haben davon zwei pro Jahr gemacht. Dann kam die Wende und seit dem haben wir drei pro Jahr gemacht. Als unsere ersten Tatorte 1991 im Fernsehen liefen, hat man uns schon angeboten für sechs weitere zu unterschreiben, was drei weitere Jahre bedeutet hätte. Udo Wachtveitl und ich haben dann gesagt „Na, des mach ma auf keinen Fall. Des is zu lang, wer weiß was kommt.“ Und wir wollten auch die Drehbücher erst lesen und dann entscheiden. Bis heute ist das so geblieben. Lustigerweise findet dieser „Kuhhandel“, oder wie Udo sagen würde dieses „gschlamperte Verhältnis“ nun zum 93. Mal statt. (lacht) Verändert hat sich insofern nichts, als das es immer dieses Vertrauen gab. Geblieben ist auch, dass man uns nie reingeredet hat oder uns vorgeschrieben wurde, was wir machen sollen. Die Kosten drum herum sind gestiegen. Inflation, Motive, Equipment, alles ist teurer geworden. (überlegt) Und vielleicht hat sich manchmal auch eine bestimmte Erwartungshaltung eingeschlichen. Nach dem Motto: „Der Tatort läuft sowieso!“, was ich für fatal halte. So denken wir auf keinen Fall. Jeder Tatort ist ein neues Produkt und muss mit größter Behutsamkeit und größter Energie umgesetzt werden. Heutzutage gibt es so viele Formate, dass man sich fast verlieren kann. Vielleicht sind nicht alle qualitativ so gut, aber man muss trotzdem für sein Produkt „klappern“, wie man es bei uns in der Branche nennt.

B K: Obwohl der Tatort ein bestimmtes Privileg ist…

M N: Genau. Wir müssen trotzdem jedes Mal versuchen so gut wie möglich zu sein und es glaubwürdig umsetzen.

B K: In den Filmen waren schon immer bekannte Gesichter und Schauspieler zu sehen. Im Neuesten sind mit Veronica Ferres und Wolfgang Fierek zwei dabei, mit denen Sie ja schon beim Tatort gedreht haben.

M N: Ja, mit beiden. Ich freue mich da natürlich, es sind beides Profis und sie bringen tolle neue Farben mit rein. Beide spielen Rollen, die nicht unbedingt Sympathieträger darstellen. Das finde ich großartig.

B K: Herr Nemec, als Sie beim Tatort angefangen haben, da waren Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Udo Wachtveitl, die junge, wilde Gilde.

M N: Kann man so sagen.

B K: Nun sind Sie da eher der „alte Hase“.

M N: Das bleibt im Leben nicht aus. (lacht) Man lernt viel dazu, aber trotzdem bleibt es frisch. Wir haben immer wieder neue Inhalte, neue Geschichten und neue Kollegen. Wir sind immer noch wild darauf, uns auseinanderzusetzen und alles richtig zu machen. Insofern spüren wir das Alter noch nicht unbedingt. Was wir nicht mehr so gerne haben, ist sehr viel zu laufen, womöglich bei Nchtdreharbeiten. (lacht) Es geht schon noch, wird aber anstrengend und muss nicht mehr unbedingt sein. Das sind dann aber eher körperliche Geschichten und darauf wird nicht immer Rücksicht genommen. (grinst) 

B K: Wir haben schon über bekannte Namen beim Tatort gesprochen. Gibt es für Sie jemanden, mit dem Sie noch nie gedreht haben, aber gerne mal arbeiten würden?

M N: Mit Burt Lancaster, Paul Newman oder Robert De Niro…

 

-        Kollege Ferdinand Hofer kommt zum Interview hinzu –

 

 

M N: …oder mit Ferdinand Hofer. Ach da ist er ja. (lacht)

Ferdinand Hofer: Hallo zusammen. Ja, Robert De Niro wäre schon eine Hausnummer, aber da ist natürlich die Frage, wie erreichbar das ist. Gottseidank haben wir beim Tatort immer mal wieder die Gelegenheit, mit tollen Schauspieler*innen zu arbeiten.

M N: Was den Wunsch angeht, wären das bei mir lieber Regisseure, als Kollegen. Das ist für uns als Schauspieler eigentlich das interessantere finde ich, weil man mit jedem anders arbeiten kann.

B K: Herr Hofer, wir hatten vorher festgestellt, dass Veronica Ferres 1993 das erste Mal mitgespielt hat. In dem Jahr wurden Sie geboren. Wie ist es für Sie mit so erfahrenen Kollegen zu drehen oder überhaupt bei so einer Institution wie dem Tatort dabei zu sein, auch wenn Sie jetzt selber schon 10 Jahre teil davon sind?

F H: Es ist trotzdem wahnsinnig toll in diesem Format mitzuspielen, das eine solche Prominenz im deutschsprachigen Raum hat. Und dann noch in einem der beliebtesten Teams… (schielt zu Miroslav Nemec)

M N: Was möchtest Du trinken? (lacht)

B K: Im neuen TATORT geht es, wie der Name schon sagt, um „Königinnen“. Wer von Ihnen war schon mal bei einer Misswahl oder der Prämierung einer Produktkönigin dabei?

© Luis Zeno Kuhn / BR

F H: Noch nie.

M N: Nein. Ich habe nur mal bei einer Wahl mitgemacht, da ging es um „Mister Sympathikus“ und wir sind selber angetreten und wurden von den Frauen bewertet. (lacht) Im neuen Fall ist es umgekehrt.

B K: Wenn es einen bayerischen Produktkönig geben würde, für welches wären Sie denn geeignet?

M N: Ich bin bei Getränken immer sehr interessiert. Wein oder Bier. Da wäre vielleicht eine Sache, bei der man hier in München durchaus etwas daraus machen könnte. Im damaligen Hippodrom-Zelt habe ich während des Oktoberfests auch mal angezapft.

F H: Also ein „Bierkönig“. (lacht) Abstrus finde ich tatsächlich so etwas wie „Karpfenkönig“, den es tatsächlich gibt.

M N: Ernährungstechnisch könnte man natürlich auch dem Zeitgeist entsprechend einen „Algen-„ oder „Insektenkönig“ einführen.

F H: „Proteinkönig“…

B K: Wir halten das mal als offizielle Bewerbung fest. Auch im neuen Tatort hallt es durch, dass man dieser Art der Prämierungen auch kritisch gegenüberstehen kann. Ist so etwas aus der Zeit gefallen oder wirklich eine gute Möglichkeit für Frauen ihre Kompetenz zu zeigen?

M N: Ich habe eine Mail von einer „Mostkönigin“ aus Franken bekommen. Die machen ein Public Viewing und freuen sich schon auf den „Königinnen“-Tatort. Sie hat explizit in der Mail geschrieben, wie stolz sie sind so etwas zu machen. Insofern nehmen die das wirklich sehr ernst. Es ist für sie eine Ehre, das Produkt für ihre Region bzw. ganz Bayern zu präsentieren und die Events mitzuerleben. Das ist also eine positive Sache. Für den Tatort mussten wir aber daraus einen Kriminalfall machen.

F H: Ich glaube man muss es immer aus zwei Perspektiven sehen. Wenn man nicht in diesem Geschäft ist, dann erscheint es vielleicht für Außenstehende etwas komisch. Wenn man die Dinge, die bei uns im Tatort passieren, mal ausklammert, weil die so nie passieren dürfen, dann erfährt man, dass es für die Königinnen persönlich etwas sehr Besonderes ist. Da steht es uns als Außenstehender eigentlich nicht zu das zu beurteilen oder zu belächeln.

M N: Es hat ja auch etwas mit Nachhaltigkeit und heimischen Produkten zu tun. Das darf man nicht vergessen.

B K: Herr Hofer, Ihre Rolle hat im neuen Fall, mit vielen hübschen Damen, ja auch so ein bisschen damit zu kämpfen, professionell zu bleiben…

M N: Das war rein privat. (lacht)

B K: …wie war es für Sie persönlich?

F H: Wir hatten glaube ich noch nie bei einem Tatort so viele Kompars*innen und Laiendarsteller*innen vor der Kamera. Da war nach spätestens dem vierten Drehtag ein richtig schönes Gemeinschaftsgefühl. Außerdem waren alle mit sehr viel Engagement und Eigenleistung dabei. Das fand ich einzigartig und besonders. Abgesehen davon wie es im Film erzählt wird, fand ich das toll und es hat sich sehr familiär angefühlt.

M N: Jetzt lenk nicht ab. Es geht darum wie Du mit den Mädels zurechtgekommen bist. (beide lachen) Bei mir ist das ja eindeutig: väterlich. (lacht)

© BR/Odeon Fiction GmbH/Luis Zeno Kuhn

B K: Herr Hofer, in der Eberhofer-Reihe, bei der Sie ja auch eine durchgehende Rolle haben, drehen Sie viel auf dem Land, wo der neue Fall ja auch spielt. Meine Frage an Sie beide: Wo ermitteln Sie lieber? In der Provinz oder auf dem Land?

F H: (überlegt) Wenn man jetzt die Formate vergleicht, dann hat die Herausforderung weniger mit der Ländlichkeit zu tun, sondern mit dem Anteil der komödiantischen Elemente. Ich merke aber, wenn wir mit dem Eberhofer z.B. oft in Frontenhausen und Umgebung drehen, dann wird man da total herzlich empfangen. Das ist natürlicherweise in der Stadt einfach nicht so gegeben.

M N: Dadurch, dass wir den Tatort meistens in der Stadt drehen, hatten wir schon öfter das Bedürfnis, mal aus dem S-Bahn-Bereich zu kommen. Es muss ja nicht gleich in den hessischen Sumpfniederungen, wo übrigens meine Kollegin Rita Russek herkommt, damit haben wir sie immer aufgezogen. Aber zurück zum Thema: In der ländlichen Gegend, die ich nicht gerne Provinz nenne, gehen die Leute schon noch positiver oder freundlicher auf einen zu, weil es für sie halt auch nicht alltäglich ist. Oder wie der Udo so schön sagt: „In München ist jeder selbst ein Star.“ (lacht) Wir sollten unbedingt noch anbringen, dass jetzt mal Kroatien angesagt wäre. Ein schöner Stranddreh, das kann ja nicht so teuer sein. (beide lachen)

B K: Das schlagen wir für Ihren 100. Tatort vor Herr Nemec. Herr Hofer, könnten Sie sich vorstellen, auch irgendwann mal den Kriminalhauptkommissar zu geben?

F H: Als „Kalli“ bin ich ja jetzt Oberkommissar. (überlegt) Das eine ist ja quasi nur ein Titel bzw. ein Rang. Das andere ist ja die Figur, die dahinter steckt. Als Titel steht beim Kalli bestimmt irgendwann der Hauptkommissar an. Ich als Schauspieler bekomme jetzt schon viele unterschiedliche Möglichkeiten mich zu präsentieren. Diese Herausforderung macht mir sehr viel Spaß. Solange das so ist, mache ich das auch weiterhin sehr gerne.

B K: Hatten oder haben Sie ein schauspielerisches Vorbild?

F H: (tut als würde er stark überlegen) …da gibt es einen…der heißt M…iroslav Nemec oder so. (beide lachen)

M N: Danke für dieses lange Überlegen. (lacht)

F H: Es gibt immer wieder verschiedene. Es ist ja auch nicht immer die Person, sondern auch die Figuren, die gespielt werden. Ein Leonardo De Caprio ist in der Rolle des „Wolf of Wall Street“ vielleicht perfekt, in einer anderen vielleicht wieder nicht. In dem Fall ist dann eben er, oder auch ein Christoph Waltz in „Django Unchained“ ein Vorbild. Und natürlich nicht zu vergessen: Miroslav Nemec, der es im Tatort ganz großartig macht. (lacht)

M N: Ich bin auch hier wieder eher bei einem Regisseur, der die Möglichkeit erkennen muss, daraus etwas zu kreieren. Wenn er dir die Plattform gibt, so gut wie möglich sein zu können. Begabt sind sicherlich viele, aber das Beste aus sich herauszuholen ist die große Herausforderung.

B K: Mittlerweile gibt es auch durch die Streaming-Anbieter viele Möglichkeiten für die Zuschauer. Wie sehen Sie diese Entwicklung im Hinblick für so eine Sonntagabend-Institution wie den TATORT?

F H: Meiner Meinung nach kann es ja nicht genug Angebote geben. Als Zuschauer hat man dann ja nur die Qual der Wahl. Tendenziell sollte das auch die Qualität eher fördern, denn wenn man die Auswahl hat, dann entscheidet man sich für das, was einem gut gefällt. Ich sehe das eher als Wettbewerbsmotor.

M N: Es gibt natürlich schon noch nach wie vor die Generation, die sich gerne an gewohnten Ritualen und Sendezeiten festhält. Die sehen sich das nicht gerne im Streaming oder in der Mediathek an. Aber das ist eine Gewohnheit, die sich sicher in Zukunft noch weiter verändern wird.

F H: Ein Tatort beweist ja auch, dass ihn die Mehrheit noch um 20:15 Uhr anschaut und nicht in der Mediathek. Deswegen ist es nach wie vor gut, dass es alle Möglichkeiten gibt. Solange es nachgefragt wird, hat auch diese Struktur ihre Daseinsberechtigung.

© BR/Bavaria Film/Rolf von der Heydt

B K: Gerade beim TATORT, als großer Sonntagabend-Event, schauen die Fernsehkritiker immer ganz genau hin. Wie geht man als Schauspieler damit um?

M N: Schlecht. Wenn die Kritiken ins Negative tendieren, dann geht man natürlich nicht so gut damit um. Ich möchte immer gute Kritiken haben. (beide lachen) Alles andere wäre gelogen, ist doch ganz klar. Ich wünsche mir gute Quoten und gute Kritiken, aber vor allem ist mir wichtig, dass unser Qualitätsanspruch erfüllt wird.

F H: Ich finde auch. Natürlich freut man sich über positive Kritik. Bei negativer, kommt es eben darauf an, ob sie konstruktiv ist. Oftmals wird es sehr persönlich und dann ist sie eigentlich einfach nur unnötig.

B K: Ist das unangenehm, wenn einen Leute darauf ansprechen?

M N: Ich kann mich an einen Tatort erinnern, der eine super Besetzung und auch eine gute Story hatte, der aber mit seiner Geschichte sehr kompliziert war. Als dieser ausgestrahlt wurde, habe ich zum ersten Mal bei einem Public Viewing mitgemacht. Es war ein voller Laden und ich saß natürlich ganz vorne. Der Film fing an und ich dachte schon nach den ersten Minuten „Ui, das ist so geschnitten, da werden es die Leute schwer haben, der Geschichte zu folgen.“ Am Ende, als der Film aus war, gab es im Publikum keine Reaktion außer Stille. Ich hab mich dann zügig auf die Toilette verabschiedet. (lacht) Das war mein erstes und letztes Public Viewing glaub ich. (lacht)

F H: Das ist eigentlich ein ganz guter Punkt. Es hat positive und negative Seiten als Schauspieler. Wenn es gut läuft, dann bist du cool, obwohl viele andere vielleicht einen wesentlicheren Beitrag geleistet haben als man selber. Wenn es andersrum läuft, dann wird man am meisten dafür verantwortlich gemacht.

M N: Nach dem Motto: „Wos habts denn da wieder draht!“ (grinst)

F H: Genau. Dafür ernten wir dann die Lorbeeren, wenn es gut ist. (grinst)

B K: Das muss man dann auch aushalten.

M N: Freilich. Aushalten muss man sowieso alles. Da sind schon Nerven wie Drahtseile gefragt. Nicht gefühllos sein, das wäre falsch. Aber man muss drüber stehen und auch das Scheitern lernen. So kann man diesen Beruf ausüben.

B K: Meine Abschlussfrage: Gibt es von Ihnen beiden eine bayerische Lieblingsserie?

F H: Ich hätte jetzt „Monaco Franze“ und „Irgendwie und Sowieso“ gesagt.

M N: (überlegt) Ich selber hab ja bei „Die Wiesingers“ mitgespielt, aber es gab da noch diese andere Familiengeschichte… „Löwengrube“! Die war sehr gut. Meine jüngste Tochter ist 11 Jahre alt und ich muss alle „Hubert und Staller“-Folgen schauen. (lacht) Gestern habe ich erst den Michael Brandner (spielt in der Serie Raimund Girwidz) getroffen und ihm gesagt: „Michi, ich kenne jetzt alle Folgen!“. „Das tut mir leid.“ meinte er. (lacht) Ich sagte „Nein, die sind wirklich witzig!“ Natürlich schaue ich aber auch gerne die Eberhofer-Filme.

F H: Wer gefällt dir denn da besonders gut?

M N: Da gibt es so einen jungen…der da einen jungen Polizisten spielt. Keine Ahnung wie der heißt. (beide lachen)

B K: Man merkt: Die Gegenseitige Wertschätzung ist immens. Vielen Dank für das Gespräch.

F H: Ebenfalls.

M N: Danke ihnen auch.

 

 
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